„Variable Magnetic Structure“ Martina Fuchs

Früher hingen hier geschlachtete Rinder und Schweine, jetzt hängt in dem zum Ausstellungsraum umfunktionierten Straubinger Schlachthof ein Mobile. Keines, das leicht und verspielt wäre wie in einem Kinderzimmer, sondern eines, das sich eher nüchtern und funktional ausnimmt. Von der Decke aus verzweigt es sich in drei Ebenen nach unten und endet etwa zwei Meter über dem Boden mit zehn Rohrstücken aus Plastik, die einen metallischen Kern umschließen. – Eine raumgreifende, bewegliche Konstruktion also, die, wie man fürs erste vermuten kann, das für die Kunst klassische Thema des labilen Gleichgewichts formuliert.
Mit dem sichtbaren Bestand allein ist es bei der Arbeit des
28-jährigen Bildhauers Stefan Mayer allerdings nicht getan; die metallischen Kerne nämlich haben nicht etwa nur ästhetische Funktion, sondern sie bilden buchstäblich das ‚Kernstück‘ der gesamten Konstruktion – zehn Permanentmagneten. Ihre Wirkung auf den Raum kann jeder Ausstellungsbesucher mit Hilfe eines einfachen Kompasses ermitteln, dessen Funktionsweise auf dem natürlichen Phänomen des Erdmagnetismus beruht. Diese globale Kraft gewährleistet die vertraute Ausrichtung der Kompaßnadel auf den magnetischen Nordpol. – So verhält es sich zunächst auch, wenn sich der Betrachter noch in einiger Distanz zu dem Mobile befindet. Sobald er sich ihm aber genähert hat, gerät die Kompaßnadel plötzlich außer Kontrolle und wirbelt unter dem Einfluß der Permanentmagneten orientierungslos in verschiedene Richtungen.
Raumgreifend ist die bewegliche Konstruktion damit über ihr physisches Erscheinungsbild hinaus. Sie bildet ‚mobile‘ Magnetfelder aus, die einander kontrastierende Raumzonen markieren.
Dabei wirkt im einen Fall die globale Kraft des Erdmagnetismus, der die normale Nord-Süd-Achse herstellt und damit die vertraute Ordnung veranschaulicht. Im anderen Fall dagegen wirken die Magnetfelder der Permanentmagneten, die diese Ordnung und die ihr zugrundeliegende Polarität vollkommen über-lagern.
Die Polarität, die modellhaft in jedem der einzelnen Magneten vorhanden ist und sich durch die einander kontrastierenden Raumzonen im größeren Maßstab wiederholt, erhält aber noch eine weitere Dimension. Denn bereits 1992 hat Stefan Mayer zwei Projekte realisiert, in denen er die normale Nord-Süd-Ausrichtung durch Magnetfelder unterbrochen hat. Diese Eingriffe unternahm er allerdings nicht in der nördlichen, sondern der südlichen Hemisphäre, in Brasilien, Der globale Zusammenhang, der durch diese Ortswahl hergestellt wird, deutet darauf hin, daß mit der Polarität nicht nur physikalische Gesetzmäßigkeiten, sondern vor allem politische Realitäten thematisiert werden: die wachsende Polarisierung zwischen Nord und Süd, die sich -gerade nach Beendigung des Ost-West-Konflikts – immer deutlicher herauskristallisiert. Der Eingriff, den Stefan Mayer mit seiner Arbeit „Variable Magnetic Structures“ im Straubinger Schlachthof vornimmt, thematisiert solche polarisierten Strukturen, die als globale Phänomene kenntlich werden und arbeitet diesen zugleich subversiv entgegen: Exemplarisch formuliert das Mobile damit die Variabilität, die Veränderbarkeit globaler Strukturen.

Martina Fuchs 1994