„Temperaturen, Frequenzen, Parasiten“ Christiane Fricke

 
in: „Kunstforum International“ Band 144 – Dialog und Infiltration, S 167f, Köln, 1999

Stefan Mayers künstlerische Arbeit ist in seinem sehr traditionellen Arbeitsfeld angesiedelt. Sie besteht in der Komposition bzw. Strukturierung von Raum und Volumina. Die eigentliche Arbeit vollzieht sich in einem Eingreifen in den physikalischen Zustand, beziehungsweise in der Veränderung der ihn bestimmenden Faktoren. Dazu gehören zum Beispiel die Bewegung atomarer oder molekularer Teilchen und die daraus resultierende Temperatur, die Präsenz elektromagnetischer Wellen oder die mit Vektoren beschreibbare Orientierung im Erdmagnetfeld. Mayer betätigt sich im wesentlichen in drei Bereichen1:

Temperaturarbeiten
Der im März 1998 in der Galerie Balanstrasse, München, gezeigten Rauminstallation gingen ausführliche Recherchen der klimatischen Bedingungen von Ausstellungsräumen aus verschiedenen Kontinenten voraus. Auf der Basis des Datenmaterials, das dem Künstler von Museen aus Neuseeland, Japan, Brasilien und den USA zur Verfügung gestellt wurde, erzeugte er in dem (nicht betretbaren) Ausstellungsraum in München nacheinander exakt die in den dokumentierten Museen gemessenen Temperatur- und Luftfeuchtigkeitswerte. Registriert wurden die verschiedenen Raumzustände mit einem Thermohygrographen und dem Fotoapparat.
Die Abbildungen repräsentieren jede für sich einen klimatischen Zustand. Für einen Zeitraum von jeweils sieben Tagen, der dem Meßzeitraum des Thermohygrographen entspricht, veränderte Mayer Luftfeuchtigkeit und Temperatur mit Hilfe eines Luftbefeuchters und zweier Schwenk-Heizstrahler, so daß sie präzise in dem Bereich lagen, welche ihm die Meßwerte aus den verschiedenen Museen vorgaben. Seine Arbeit besteht in diesem so behandelten – „vielleicht auch komponierten“ (St. Mayer) – Raumvolumen, also in seinem künstlichen physikalischen Zustand. Eine körperliche Wahrnehmung der spezifischen Klimata ist vom Künstler nicht vorgesehen, weil sie „vom eigentlichen Sachverhalt ablenken“ würde. Das sinnliche Erleben, das sich stets mit einem körperlichen Eintritt in die künstlerische Arbeit verbinden würde, wäre einer Intervention bzw. Fremdeinwirkung gleichzusetzen, was die Arbeit letztlich beschädigen bzw. zerstören würde. Der Philosoph Karl Koller erkennt in Mayers thermischen Skulpturen denn auch völlig geschlossene Systeme. Deren einzelne Elemente würden nach einer inneren Logik so ins Verhältnis gesetzt, daß ein harmonisches Gefüge entsteht. Diese Harmonie sei aber nur von innen her gegeben. In diesem Sinne stellten die Skulpturen Mayers den Versuch dar, einen eigenen Kosmos zu schaffen.2

Hochfrequenzarbeiten
Die Hochfrequenzarbeiten gehen von dem Gedanken aus, daß der Mensch permanent von, mit entsprechenden Empfängern abrufbarer, Information in Form von elektromagnetischen Wellen umgeben ist. Mayer verändert dieses Informationspotential durch Abstrahieren (aus lat. abs-trahere = abziehen, wegziehen) einer Wellenlänge. Dabei kamen zunächst Absorberstreifen zum Einsatz, die der Künstler von der Universität Erlangen berechnen ließ. Später arbeitete er mit dünnen, kreuzartig angeordneten Kupferdrähten, wie in der Rauminstallation des Ausstellungsraums Balanstraße. Diese „schnitten“ exakt die Wellenlänge aus dem Raum heraus, die der maximalen Ausdehnung des Ausstellungsraumes entsprach. Der meßbare Effekt besteht laut Mayer darin, daß aus dem Frequenzspektrum, das die Summe aller vorhandenen Wellen von Radio, TV, Mobiltelefon, Funk, natürliche Strahlung u.a. darstellt, genau eine Frequenz entfernt wird. Diese Frequenz kann nicht mehr empfangen werden. Das hat zur Folge, daß die Information, die sie transportiert, in diesem Raum fehlt.1995/96 isolierte Mayer in Zusammenarbeit mit der Universität Erlangen einzelne Frequenzen in rohrförmigen Hohlleitern mit dem Ziel, Informationseinheiten zu isolieren.

Parasitäre Arbeiten
Mayers aktuelle künstlerische Arbeiten kreisen um den Begriff des Parasiten. Er entwickelt kleine Elektromagnete, die, um ihre Form und damit ihre Funktion zu bekommen, einen Träger, d.h. einen sog. „Wirt“ benötigen. Diese Parasiten werden so an ihrem „Wirt“ angebracht, daß sie – für den Betrachter nicht sichtbar – das sie umgebende Magnetfeld verändern.
Zur ersten Gruppe der Parasiten gehören die „Teilchenbeschleuniger“. Mit Spulendraht, der um einen nichtmetallischen Kern gewickelt und von einer Batterie gespeist wird, realisiert er zeitlich und räumlich begrenzte Magnetfeld-Setzungen innerhalb der vom Erdmagnetfeld gegebenen Ordnung. Den Hauptteil der Arbeit werden Freunde und Bekannte ausführen, die sich bereiterklärt haben, auf ihren Reisen solche Magneten zu installieren und damit zur, vielleicht globalen Streuung der Parasiten beizutragen. Geplant sind New York (Michael Wesely), Los Angeles und Wien (Dr. Martina Fuchs), Moskau und Peking (Heidi Sill), Pyrenäen (Mark Rother), São Paulo und Nordostbrasilien (Stefan Mayer) sowie weitere Orte, zunächst im europäischen Raum. Die „Mitarbeiter“ werden von Mayer vor ihrer Reise mit einem Paket ausgestattet, welches alle nötigen Bestandteile und eine Installationsanleitung enthält.
Bei einer zweiten Gruppe von Parasiten handelt es sich um Elektromagneten, die sich in ein spezielles Kunstwerk „klinken“, für das sie konzipiert und gebaut wurden. Bisher konnte Mayer drei Parasiten dieser Gruppe installieren: zwei mal an Arbeiten von Heidi Sill und einmal im Rahmen der „Malsch“-Ausstellung bei Michael Wesely. Diese Parasiten nutzen die physikalische Form ihres Wirts aus, um unsichtbar mit ihrem Magnetfeld den Umraum neu zu strukturieren. Eine weitere Parasiten-Arbeit realisierte Mayer im Rahmen eines Vortrags in der Nürnberger Kunstakademie, wo eine flache Spule exakt unter den Konzeptblättern des Vortrags angebracht, die Feldlinien in Leserichtung des Blattes veränderte.
Weitere Arbeiten dieser Serie befinden sich im Planungs- und Produktionsstadium. Kennzeichnend für sie ist, daß bei der Präsentation ihres Wirtes ihre Existenz dem Publikum nicht bekannt ist. Jeder Parasit wird nach seinem Einsatz, den man mit dem Begriff „Leben“ gleichsetzen kann, wieder von seinem Träger entfernt und archiviert.
Koller hat die „Grauzone“, in der Mayer seine Arbeiten ansiedelt – „zwischen Ausstellung und Idee“ – einer philosophischen Betrachtung unterzogen. Er kommt zu dem Schluß, daß Mayers Skulpturen in ihrer Unsichtbarkeit die „Idealität der Kunst“ thematisieren. So wie sich dem Betrachter das Formprinzip der Skulptur niemals ganz erschließen könne, so bleibe auch ihre ureigenste Erscheinungsform (eidos/Idee) immer unsichtbar, wie auch jede Kunst in ihrer Eigentlichkeit unsichtbar bleiben muß, weil der Betrachter das Werk niemals von „innen“ sehen könne.3
Christiane Fricke

Anmerkungen:
1.) Quelle: Briefwechsel Christiane Fricke – Stefan Mayer, Juni/August 1998
2.) Karl Koller, Philosophische Überlegungen zu den thermischen Skulpturen, in: Texte zur Arbeit von Stefan Mayer, 1990-1994, hrsg. v. Stefan Mayer, (o.O.) 1995, S.11.
3.) a.a.O. S.11f.