
Der Titel der Arbeit von Stefan Mayer klingt einigermaßen geheimnisvoll: „Restricted Information Space“. Das erinnert ein wenig an „Restricted Area“, an eine Sperrzone, in der geheime Forschungen vor sich gehen. Einigermaßen geheimnisvoll aber wirkt auch die Arbeit selbst. Zwar scheint es sich bei den 601 identischen, je zweigeteilten Metallbändern aus Weißblechfolie, die von der Decke des Nürnberger Kunst-Bunkers in die Räume greifen und sie strukturieren, auf den ersten Blick um eine minimalistische Skulptur zu handeln. Doch weist ein Detail in der seriellen Arbeit darauf hin, daß es offenbar noch um mehr geht. Denn zwischen den Metallstreifen befindet sich jeweils ein kleiner Widerstand, ein elektrotechnischer Leiter. Er läßt ahnen, daß die Metall-streifen eine spezielle Funktion haben. Nur: Welche mag das sein?
Aufschluß gibt ein genauerer Blick auf den zunächst so geheimnisvoll anmutenden Titel: Er besagt, es handele sich um einen „Restricted Information Space“, um einen Raum also, dessen Informationsgehalt reduziert ist. Was aber ist der Informationsgehalt eines Raumes? Gemeint ist: Jeder Raum ist durch die elektromagnetischen Signale moderner Datenübertragung, wie sie beispielsweise von Fernseh- oder Rundfunksendern ausgestrahlt werden und mittels entsprechender Geräte empfangen werden können, mit einem breitem Spektrum an Information gefüllt. Wieviele solcher Signale auf einen Raum treffen, wie hoch also sein spezifischer Informationsgehalt ist, ist abhängig vom jeweiligen Standort und der speziellen Bauweise eines Raumes.
Wenn in unserem Fall dieser Informationsgehalt reduziert ist, ist das durchaus doppeldeutig: Die Reduktion kann aus der spezifischen räumlichen Situation des besonders gut abgeschirmten unterirdischen Schutzbunkers resultieren. Sie kann aber auch mit den Metallbändern zu tun haben. Die nämlich haben eine exakt errechnete Länge von je zweimal 35 cm und sind so im Raum angeordnet, daß sie, Antennen vergleichbar, ein Signal bestimmter Frequenz und Wellenlänge auffangen können. Anders aber als Antennen geben sie das Signal nicht weiter, sondern absorbieren es durch den installierten Widerstand. Damit wird dem Raum eine potentielle Information entzogen, er ist ‚informationsreduziert‘.
Die minimalistische Skulptur ist primär also nicht das Resultat ästhetischer Erwägungen des Künstlers, sondern sichtbarer Ausdruck einer speziellen, gleichwohl unsichtbaren Funktion. Im Sichtbaren, den Metallbändern, drückt sich damit – paradoxerweise – etwas Unsichtbares aus: Ein Eingriff nämlich in die Realität moderner Informationsübertragung – eine Realität, die zwar existiert und uns, die sogenannte Informationsgesellschaft, nachhaltig beeinflußt, letztlich aber für uns nicht sichtbar ist. Die künstlerische Intervention freilich ist minimal, denn lediglich eine Frequenz wird zum Verschwinden gebracht. Aber sie gibt zu denken: Nicht nur, weil sie die Bedeutung dieser unsichtbaren Realität in unser Bewußtsein ruft. Auch, weil diese Realität durch den Eingriff an diesem Ort verändert und damit in ihrem Gesamtspektrum minimal verschoben wird. Das zumindest müssen wir annehmen, denn überprüfbar im wissenschaftlichen Sinne ist es für uns als Betrachter nicht. Ein wenig geheimnisvoll also bleibt der
„Restricted Information Space“ schließlich doch.
Martina Fuchs