„… GegenFeld Abweichung+4° Neigung 65°“ Nicole Frenzel

… GegenFeld Abweichung+4° Neigung 65°

Der Bildhauer Stefan Mayer setzt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit nicht sichtbaren Raumqualitäten auseinander. An spezifischen von ihm gewählten Orten untersucht er optisch nicht wahrnehmbare physikalische Strukturen wie Temperatur, Luft, Hochfrequenz-Wellen oder magnetische Kraftfelder. Durch gezielte Eingriffe verändert er die strukturellen Eigenschaften eines Ortes und damit die gesamte Situation.
Im Rahmen der Ausstellungsreihe „sculpture“ präsentierte der Künstler im Frühsommer 2023 die Installation “GegenFeld“ im streitfeld projektraum in München.
Dazu platzierte er zwei 326 cm lange und 20 cm starke Magnetspulen aus Kupferdraht so im Raum, dass sie der im Münchner Erdmagnetfeld vorgefundenen lokalen Abweichung von +4° und einer Neigung von 65° entsprachen. Die beiden Magnetspulen wurden zwischen Boden und Wänden verspannt und über ein Ladegerät an das lokale Stromnetz angeschlossen, so dass sich ein neues Kraftfeld entwickelte. Dieses von den installierten Magneten erzeugte Kraftfeld kehrte die Ausrichtung des lokalen, im Projektraum vorhandenen Erdmagnetfeldes um.

Unsichtbare Umkehrung 
Mit diesem bildhauerischen Eingriff stellte Stefan Mayer den Projektraum physikalisch gesehen auf den Kopf. Auch wenn sich dies optisch nicht manifestierte, wurden die Schritte seiner künstlerischen Vorgehensweise anhand der im Raum angeordneten Elemente offensichtlich und nachvollziehbar. Die beiden kupferfarbenen Magnetspulen waren mit straff gespannten Stahlseilen zwischen Wänden und Boden verspannt und dominierten den Raum. Das permanent eingeschaltete Ladegerät, das die beiden Magnete mit dem Stromnetz verband, signalisierte, dass durch die Elektromagnete Strom floss. Zusätzlich platzierte der Künstler das Messgerät, mit dem er die lokale Abweichung und Neigung des vorgefundenen Magnetfeldes ermittelt hatte im Ausstellungsraum.
Die Auswirkungen des Eingriffs in das lokale Erdmagnetfeld des Projektraums waren für die Besucher:innnen nicht sichtbar. Die installierten Objekte wiesen jedoch darauf hin, dass ein grundlegender Eingriff in die Struktur des Raumes stattgefunden hat. Die Besucher:innen waren eingeladen, ungewohnte Wahrnehmungsmöglichkeiten zu erproben, um spürbare Veränderungen des Raums jenseits des Sichtbaren zu erkennen und zu erleben. Kräfte messen.


Auszüge aus einem Gespräch, das der Bildhauer Stefan Mayer und Nicole Frenzel, Bildhauerin und Kuratorin der Ausstellung “GegenFeld“, am 22.6.2023 im streitfeld projektraum führten.
NF:
 Du setzt dich seit vielen Jahren künstlerisch mit dem Phänomen Erdmagnetfeld auseinander. Was fasziniert dich an dem Thema?
SM:
 Das Erdmagnetfeld ist eine Erscheinung, die wir vielleicht noch aus unserer Schulzeit kennen oder vom Bestimmen der Himmelsrichtungen mit einem Kompass. Im Normalfall orientieren wir uns damit zwischen Nord und Süd und von West nach Ost. Wenn man genauer hinschaut und sich ein bisschen damit beschäftigt, wird klar, dass das Erdmagnetfeld auch von lokalen Gegebenheiten beeinflussbar ist, zum Beispiel von Einschlüssen in der Erdoberfläche und vor allem von komplexen Prozessen im Erdinneren. Hier in München beträgt die Neigung des Erdmagnetfelds, also die Neigung, mit dem das Feld in das Erdinnere eintritt, im Moment 65°. Die Neigung kann sich abhängig von den Prozessen im Erdinneren zeitweise leicht ändern. Die Abweichung vom geografischen Nordpol, die sich auch immer ändert, liegt in München im Moment bei 4°. Das sind die beiden Hauptkomponenten meiner Arbeit. Die Konsequenz aus diesen beiden Komponenten des Erdmagnetfelds ist die, dass ich Elektromagnete so installiere, dass sie genau dieser Abweichung bzw. Neigung des Erdmagnetfelds folgen, aber die Polarität umkehren. Ich setze also dem Erdmagnetfeld an dieser Stelle ein weiteres magnetisches Kraftfeld entgegen.
NF:
 Wenn du so ein “GegenFeld“ beispielsweise in Berlin oder in Paris installierst, würdest du die Magneten in der gleichen Anordnung wie hier positionieren?
SM:
 Position, Anordnung und Dimension der Magneten leiten sich jeweils von der lokalen Situation des Erdmagnetfelds ab, die in Berlin mit Sicherheit nicht identisch ist mit der Situation hier in München. Spannend ist auch die jeweilige Raumhöhe: von ihr hängt die Dimension der Magnete ab. Ich benötige einen Abstand zur Decke und zum Boden, um die Magnetspulen zu verspannen. Aus diesen drei Vorgaben des Raumes leitet sich die ganze Installation ab: die Nord-Süd-Ausrichtung bzw. Inklination (=Neigung), die Deklination (= Abweichung) des Erdmagnetfelds und die Höhe des Raums.
NF: 
Du hast hier in der Ausstellung das Messgerät aufgestellt, mit dem du deine Installation vorbereitet hast. Wie wendest du dieses Gerät an?
SM:
 Das ist ein ganz einfaches Messgerät, vergleichbar mit einem Kompass. Nur dass es nicht die horizontale Komponente des Erdmagnetfeldes misst, sondern die vertikale Komponente, also die Inklination (Neigung) des Erdmagnetfeldes. Es ist also ein Werkzeug, mit dem ich eine Grundkomponente der Ausstellung festlegen kann, und zwar die Nord-Süd-Ausrichtung, die dieses Gerät anzeigt. Es ist exakt in der Horizontalen und zeigt mit einer Nadel die 65° Inklination, die das Erdmagnetfeld an diesem Ort hat, an.
NF:
..und die sich in den von dir installierten Magnetobjekten wiederfindet?
SM:
 Genau. Ich habe hier ebenfalls die Nord-Süd-Ausrichtung von 65°. An den Stahlseilen lässt sich das ganz gut ablesen. An den Schraubelementen der Verspannung kann ich die Inklination bzw. Neigung der Magnetspulen genau auf den Wert einstellen, den die Inklinationsnadel des Messgeräts anzeigt. Die Messwerte, die das Gerät anzeigt, sind die Vorgabe für die gesamte Installation.
NF:
 Deine präzise, sich an exakten Messwerten orientierende Arbeitsweise erinnert an wissenschaftliche Forschungsprojekte. Worin unterscheidet sich deine Vorgehensweise von der eines Wissenschaftlers? Welche Handlungsschritte sind explizit die eines Bildhauers?
SM: 
Wissenschaftler entwerfen mit komplexen Methoden Modelle, welche uns die Bereiche, in denen wir leben, erklären sollen. Ich bin Bildhauer mit Bezug zur Tradition der Minimal Art. Ich stelle Formen her, die nicht aus der gewichtenden Zusammenstellung einzelner Teile bestehen, sondern aus der Form als Ganzem und den Beziehungen der Form zum Raum.
NF:
 Hat das Erdmagnetfeld bzw. hat dein verändernder Eingriff auch eine symbolische Dimension? SM:
 Donald Judd äußerte einmal sinngemäß, dass man keine Form herstellen könne, ohne damit sofort Inhalt zu erzeugen¹. Jede Form verfügt also immer über einen spezifischen Inhalt. Dieser muss jedoch nicht zwingend eine symbolhafte Bedeutung besitzen.
NF:
 Was repräsentiert das Erdmagnetfeld aus deiner Sicht, wofür steht es?
 SM:
 Das Erdmagnetfeld ist eine Eigenschaft unseres Planeten, mit der wir ein Ordnungssystem auf der Oberfläche erzeugen, navigieren und Beziehungen zwischen Orten herstellen können. Heute steht es auch im Kontext von wirtschaftlich-sozialen Unterschieden von Erdregionen.
¹ Donald Judd, Vortrag „Kunst und Architektur“ 1983 an der Yale University