„Feldgenerator“ Marietta Schürholz

Im Treppenhaus des Kunsthauses ist ein Generator aufgestellt. Er besteht aus einer grossen Trommel, deren Kern sechs mit Kupferdraht umwickelte Spindeln bilden.
Umgeben wird er von einem strahlenförmigen Kranz eng gesetzter Aluminiumkühlrippen. Dieser zentrale Körper wird von den gelbgestrichenen Kufen einer Stahlrohrkonstruktion gehalten. Der Feldgenerator stellt bei Inbetriebnahme ein magnetisches Feld her, welches das Erdmagnetfeld in einem eng begrenzten Wirkungsbereich überlagert und die Feldlinien auf sich bezieht. Diesen Verhalt kann der Besucher der Ausstellung allein mit Hilfe eines Kompasses wahrnehmen.
Die Arbeit von Stefan Mayer besteht mithin aus einem sichtbaren und einem unsichtbaren Teil. Aufgabe des sichtbaren Teils, dessen Ästhetik ausschliesslich ihrer Funktion gehorcht, ist es, die eigentliche Arbeit zu ermöglichen. Diese besteht in einem elektromagnetischen Feld. Stephan Mayer leitet damit in Bereiche der Wahrnehmung, die unseren fünf primären Sinnen entzogen sind. Seine Arbeit regt zum Nachdenken über die Bedingungen unseres in der Welt-seins an. Sie thematisiert einerseits Bestrebungen unserer Zivilisation, durch technologische Errungenschaften natürliche Vorgänge zu steuern oder gar zu generieren. (Auch die Apparatur im Treppenhaus des Kunsthauses behauptet mit grossem Aufwand innerhalb eines Radius von ca. 2 Metern ein eigenmächtiges Kräftefeld, welches in Bezug auf die Gesetze seines Umfeldes autonom ist.) Andererseits verweist das Vorhandensein eines unsichtbaren Feldes auf das Ausgeliefertsein des Menschen an nicht wahrnehmbare Energien.
Auf einer gedanklichen Ebene repräsentiert das hier vorgeführte Ineinander kleinerer und grösserer Kräftefelder zugleich kulturelle, historische, individuelle, spirituelle Zusammenhänge, in die wir einbezogen sind, derer wir uns aber nur teilweise oder gar nicht bewusst sind. Diese Zusammenhänge sind veränderlich und wandelbar. Sie werden umso deutlicher wahrnehmbar, je eingeschränkter ihre Gültigkeit ist. Denn nur so lässt sich Distanz zu ihnen herstellen und ihre Eigenheit aus der Unterschiedlichkeit zu anderen Systemen begreifen.
In Stephan Mayers Arbeit liefert der Kompass dem Benutzer, unabhängig von seiner visuell wahrnehmbaren Umgebung, Messdaten über seine objektive Befindlichkeit.
Diese bewusste Emanzipation von der Sinnlichkeit und die entsprechende Verabsolutierung des Untersinnlichen scheint jedoch auch ironisch aufgefasst. „Feldgenerator“ verbindet die Ernsthaftigkeit des technologisch Machbaren mit der kindlichen Neugierde gegenüber dem Möglichen. Durch seine Näherung oder Entfernung an den Generator kann der Benutzer das Springen der Kompassnadel provozieren. Seine Bewegungen im Raum sind spielerisch und implizieren zugleich ein symbolisches Tun. Zu beobachten ist, dass, obgleich sich seine physische Befindlichkeit nur geringfügig, seine Umgebung fast überhaupt nicht verändert, innerhalb eines Grenzbereichs minimale Positionsveränderungen den Betrachter in ein vollkommen anders orientiertes Kräftefeld einbeziehen.

Marietta Schürholz 1994