„Polaritäten – Gedanken zu zwei Magnefeldprojekten in Brasilien“ Christiane Meyer-Stoll

POL: Drehpunkt. Mittelpunkt. Zielpunkt
POLARISIEREN: Sich immer mehr zu Gegensätzen entwickeln
POLARITAT: 1. Vorhandensein zweier Pole – 2. Gegensätzlichkeit bei wesenhafter Zusammengehörigkeit

Polarität ist ein wesentliches Grundmuster unserer physischen und psychischen Welterfahrung. Sich gegenseitig bedingende Gegensatzpaare wie hell/dunkel, laut/leise, warm/kalt dienen der Kategorisierung, der rationalen Verarbeitung von Sinnes-eindrücken. Das Spannungsfeld zwischen Polen von Begriffspaaren wie gut und böse, sakral und profan, männlich und weiblich dient zur Positionsbestimmung in geistigen und moralischen Bereichen. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass es sich bei den Extrempunkten geistiger und sinnlicher Polarisierung lediglich um theoretische Konstrukte handelt, die von gruppenspezifischen oder subjektiven Wertskalen abhängig sind.

Sendung – Übermittlung – Vermittlung
Stefan Mayer hat in seinem künstlerischen Schaffen oft eine Mittlerrolle zwischen kulturell erzeugten Polen eingenommen: Durch den Einsatz technischer Prozesse und Gerätschaften verbindet er Technik und Kunst zu einem untrennbaren Ganzen. So baute er beispielsweise 1989 als Beitrag zur Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste München einen ‚Piratensender‘ auf. Die Arbeit an Elektronik und Sendemast war dabei ebenso Teil des Werks wie der Inhalt der schliesslich zustande gekommenen ‚Sendung‘.
In vielen seiner Werke gewinnt die Anwendung wissenschaftlicher Methoden der Realitätserfahrung, wie physikalische Messungen und deren statistische Auswertung, eine solche Selbstverständlichkeit, dass die Fragwürdigkeit des polarisierten Gegensatzes von Naturwissenschaft und bildender Kunst offen zutage tritt.
Am 28.4.1990 simulierte Stefan Mayer mittels eines Heizkörpers in seinem Atelier nacheinander die Klimata von Istanbul, Wien, Tokio, Lissabon, Hong Kong, Athen und Rio de Janeiro und dokumentierte das jeweilige Ergebnis mit identisch wirkende Photographien und einem Datenblatt. An dieser Klima-Arbeit wird ein weiteres Spannungsfeld sichtbar, das Stefan Mayer auch in späteren Arbeiten künstlerisch vermittelnd durchstreift: die globalen Zusammenhänge zwischen den Erdregionen, im Besonderen, der Gegensatz zwischen der ‚reichen‘ Welt der Industriestaaten und der ‚dritten‘ Welt der ‚Entwicklungsländer‘.

BRASILIEN: amtlich República Federativa do Brasil, Bundesstaat in Südamerika, umfasst die östliche Hälfte (47%) des Kontinents; Hauptstadt ist Brasilia. Geschichte:
1500 nahm Cabral die brasilianische Küste für die portugiesische Krone in Besitz, seit 1532 begann die konsequente portugiesische Besiedlung. Amtssprache ist bis heute portugiesisch.
In Brasilien betreibt Stefan Mayer seit 1991 – mit Unterbrechungen – künstlerische Feldforschung. In seinem „Projekt für temperarturverändernde Eingriffe“ von 1991 untersuchte er die Bildung von veränderten Kleinklimata im Bereich grossmassstäblicher Eingriffe in die Landschaft wie Stadtautobahnen und Grosssiedlungen. In São Paulo erarbeitete der Künstler eine Broschüre mit Messdaten, Diagrammen und Photographien die die klimatischen Folgen solcher Begleiterscheinungen zunehmender Verstädterung veranschaulicht. Eine Sensibilisierung für unsichtbar, aber spürbar und ‚wissenschaftlich‘ messbar, gestörte Zustände soll erreicht werden. Sie werden durch den Künstler sichtbar, begreifbar und damit auch veränderbar gemacht.

MAGNET: (gr.: eigentl. = Stein aus Magnesia) ein beliebig geformter Gegenstand, der in seiner Umgebung ein Magnetfeld erzeugt
MAGNETFELD: Durch Magnete oder bewegte elektr. Ladungen erzeugtes Feld, das Kraftwirkungen zwischen Magneten bzw. elektr. Strömen vermittelt

Campo Magnético Concêntrico
Auch in seinem 1992 in Brasilien realisierten Doppelprojekt „Campo Magnetico Concentrico“ legt es Stefan Mayer auf die interpretative Sensibilisierung gegebener Ortssituationen an. Das Material der geplanten künstlerischen Installationen sind Magnete und das unsichtbare Feld, welches sie um sich erzeugen. Der Magnet mit seinem Nord – und Südpol ist eine seltenen real existierenden Reinformen, der sonst aus dem Drang nach rationaler Vereinfachung der Welt lediglich erdachten Polaritäten. Mit seinen experimentell nachvollziehbaren und dennoch unbegreiflichen Anziehungs – und Abstossungskräften ist der Magnet gleichzeitig wissenschaftliches Anschaungsobjekt und geistiges Symbol für den polaren Aufbau unseres Weltbilds. Die Faszination die von den unsichtbaren Kraftfeldern magnetischer Pole ausgeht, ist neben dem sichtbaren Effekt der Anziehung von Eisen gerade im Gegensatz von Materie und immaterieller Wirkung zu suchen, die den Magnetismus für eine Mittlerrolle zwischen materieller und geistiger Welt prädestiniert erscheinen lassen.
Die beiden Magnetinstalationen des Doppelprojekts
„Campo Magnético Concêntrico“ stehen in enger Verwandschaft aber nicht in direktem Zusammenhang: Sie wurden aus der jeweiligen Situation gänzlich verschiedener Orte entwickelt. Mit diesen Orten werden sie untrennbar verbunden sein.

SÃO PAULO: Hauptstadt des Staates São Paulo und grösste Stadt Brasiliens, (1980) 8,5 Mio. EW, mit Vororten 12,6 Mio. EW.
Mit dem Kaffeeanbau im Staat São Paulo (ab 1866), dem Beginn der Industrialisierung gegen Ende des 19 Jh. und des Baumwollanbaus (1929), begann der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt, die 1890 erst 70000 EW hatte.
Heute ist São Paulo die führende Industriestadt Brasiliens und das grösste industrielle Zentrum Lateinamerikas mit, Kraftfahrzeugs -, chem., Elektro -, Metall -, Textil -, Bekleidungs -, Nahrungs -, Genussmittel -, Maschinen -, Papierindustrie, Erdölraffinerien. Das alte Stadtbild wurde durch unzählige Hochhäuser und moderne Strassensysteme gänzlich verändert („Chigago“ Südamerikas).
Die industrielle Standortkonzentration in São Paulo hat zu einer ausserordentlich hohen Binnenwanderung geführt, die trotz industriellem Ansiedlungsstop, Dezentralisierungsbemühungen und erschöpfter Arbeitsplatzkapazität bis heute nicht aufgehört hat. Das hypertrophe Wachstum von São Paulo, der neben Mexiko City am schnellsten wachsenden Metropole Lateinamerikas, hat zu ausgedehnten Elendsvierteln und stärkster Belastung der Infrastruktur geführt.
Das „doppelkonzentrische Magnetfeld“ wird voraussichtlich im Oktober 1992 für das Museu de Arte Contemporanea in São Paulo entstehen. Im Schwerpunkt des längsrechteckigen, vom brasilianischen Architekten Oskar Niemeyer entworfenen Museumsgebäudes befindet sich ein frei eingestellter Raum, der von zwei sichelförmig gebogenen Wänden gebildet wird. Der Grundriss erinnert an eine bikonkave Linse. Stefan Mayer ordnet in diesem Raum, jeder der zwei Bogenwände elf Elektrostabmagnete zu, die – in gleichmässigen Abstand lotrecht zur Wand gehängt – zwei sich treffende Bögen beschreiben. Die in ca. zweieinhalb Meter Höhe offen von der Decke abgehängten Magneten zielen so mit ihren längsgerichteten Feldern auf die gleichen imaginären Brennpunkte wie die Wandlinsen.

Am Boden liegende Kompassgeräte visualisieren die Tatsache mit der der Besucher konfrontiert wird: Er befindet sich an einem Ort, der aus dem sichere Orientierung bietenden Erdmagnetfeld herausgelöst ist. Mit einem Kompass ausgestattet kann der Besucher den Wirkungskonflikt zweier Orientierungspole an der sich ständig verändernden Richtung seiner Kompassnadel unmittelbar nachvollziehen. Verlässt der Besucher diesen Raum der Desorientierung ist alles wieder wie gewohnt: Das Gebäude des am Europäer Le Corbusier orientierten Architekten beherbergt fast ausschliesslich nord-westliche oder Nord-West orientierte Kunst. Auch in der von Menschenmassen überschäumenden Industriemetropole Südamerikas – dem Spannungsfeld von Wolkenkratzern und Elendsvierteln – gibt der Westen und vor allem mächtige Bruderkontinent Nord-Amerika vor, was in der Kunst, der Musik, dem Verkehr, was Kleidungs – und Essgewohnheiten gerade modern ist.

TERESINA: Hauptstadt des States Piauí, NO-Brasilien, rechts am Parnaíba; (1970) 190300 EW; Handelszentrum; kat. Erzbischofsitz.
Eine ähnliche Thematik umkreist – im wahrsten Sinn des Wortes – Stefan Mayer in Teresina. Hier bietet keine Skyline von Wolkenkratzern Orientierung. Denn Teresina ist Hauptstadt einer der ärmsten Regionen Brasiliens und die gleichmässig verkommenen Häuserreihen lassen keinen stadtplanerischen Willen erkennen. Ein Zentrum ist in der – nach nordamerikanischem Vorbild – auf einem strengen Raster aufgebauten Stadt nicht auszumachen. Mit seiner.
Magnetfeldinstallation „Konzentrisches Magnetfeld“ zieht Stefan Mayer einen exakten Kreis um einen im Stadtplan als „centro“ ausgewiesenen Bereich, der sich durch eine Häufung öffentlicher Gebäude – vor allem Bildungseinrichtungen – auszeichnet. An 35 Punkten des imaginären Ringes von ca. zwei Kilometern Durchmesser wird Stefan Mayer Stabmagnete installieren, die in ihrer Umgebung ein auf das – vom Künstler neu definierte – Stadtzentrum gerichtetes Magnetfeld erzeugen. Die genaue Positionierung der Magnete, wenn möglich mitten auf der Strasse, wird aus der jeweiligen Ortssituation heraus entschieden. Die Magnete werden offen sichtbar auf dem Untergrund, meist Strasse oder Gehweg, verankert. Die Ausrichtung des Magnetfelds wird überprüft, und die genaue Entfernung zur Stadtmitte auf einer dem Magneten zugeordneten Tafel vermerkt. Nicht nur der bewusste Besucher des Kunstwerks, der sich vorher an verschieden Informationspunkten in der Stadt mit Kompass und Kartenmaterial ausgerüstet hat, kann die Veränderung im Bezugsfeld der Stadt wahrnehmen. Die Montage durch
„Bautrupps“, das Vermessen und das Auftauchen der ihre
Stadt mit Kompass neu erfahrenden Besucher werden Aufmerksamkeit erregen. Die im Stadtbild plötzlich auftauchenden seltsamen Eisenstücke, die auf ein Zentrum verweisen, lassen auch ohne Wahrnehmungshilfsmittel den künstlerisch abstrakten Eingriff wirksam werden.
Stefan Mayer legt eine neue geometrische Feldstruktur über das vorhandene Strassenraster von Teresina, die ganz klar auf das Vorhandene, jedoch nicht spürbare Zentrum der Stadt verweist. Ein Aufruf zur Selbstbesinnung, dem in dieser Stadt, die sich sehr nahe am Äquator, d. h. in der geophysikalisch schwächsten Zone des Erdmagnetfelds be-findet, auch die Kompassnadeln zu folgen scheinen.
Das „Campo Magnético Concêntrico“ in Teresina wird sich vorraussichtlich von selbst auflösen, indem das Magnet-Eisenrohmaterial von den Bewohnern demontiert und anderen Zwecken zugeführt wird. Das Feld der Permanenmagneten -und damit ein sich immer wieder veränderndes, aus dem Erdmagnetfeld herausgelöstes, auf sich selbst verweisendes Bezugsystem – wird in Teresina bleiben.
Der einsinning gerichteten Polarität der nach aussen orientierten Stadt und des nach aussen blickenden Museums setzt Stefan Mayer in Brasilien Feldkräfte seiner sinnlich visuell erfahrbaren Besinnungsstruktur entgegen. Mit der eindeutigen Orientierbarkeit nach der Kompassnadel wird durch die Polkräfte der Magnete auch die Einteilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Regionen in Frage gestellt.
Christiane Meyer – Stoll